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Anlässlich Ihres 70.
Geburtstages spricht Mutter Elvira über den Beginn der
Gemeinschaft Cenacolo.
Wie ist
die Idee der Gemeinschaft entstanden?
Mir ist bewusst geworden, dass die
jungen Leute in dieser Konsumgesellschaft verlassen und ausgegrenzt
werden. Mir ist aufgefallen, dass es in den Familien keine Dialoge mehr
gibt, keine Kommunikation, und dass es an Vertrauen zwischen den Eltern
und den Eltern und ihren Kindern fehlt: die Jugendlichen werden immer
mehr allein gelassen, und ich sah, wie sie traurig auf der
Straße endeten. Im Gebet habe ich ihren Schrei des Schmerzes
gehört. Die jungen Leute gingen auf einer Seite, und wir auf
der anderen, und dies löste ein tiefes Leid in mir aus. In mir
spürte ich eine Kraft, die nicht von mir kam und die ich nicht
unterdrücken konnte, je mehr sie wuchs. Es war keine Idee, und
ich wusste selbst nicht, was in mir vorging. Doch ich wusste, dass ich
den jungen Leuten das geben musste, was Gott in mich für sie
gelegt hat. So ist meine Berufung entstanden, die Türen den
Verlassenen, Drogenabhängigen, den Verzweifelten, die an den
Bahnhöfen und auf den Straßen leben, zu
öffnen.
Es sind
dann noch einige Jahre vergangen, bevor die Gemeinschaft entstanden
ist. War es für Dich als eine sehr aktive Frau schwierig zu
warten?
Der Ruf Gottes lässt dich
Werke vollbringen und an Dinge glauben, die du selbst nie gedacht noch
dir vorgestellt hättest. Es war nicht leicht für
mich, meinen Vorgesetzten zu erklären, was ich
fühlte, und auf der anderen Seite war es auch nicht einfach
für sie, das war mir schon bewusst, zu glauben, dass das, was
ich ausdrückte, tatsächlich von Gott kam.
Ich habe oft und viele Jahre lang danach gefragt, ein Haus für
diese jungen Leute eröffnen zu dürfen. Als Antwort
wurden mir stets – und berechtigterweise- meine Grenzen und
Schwächen aufgezeigt: ich hatte nie studiert, ich war nicht
genügend vorbereitet….Doch tief in mir drin ist ein
Vulkan ausgebrochen, und ich spürte, dass ich Gott, der mich
mit diesem Geschenk bereichern wollte, eine Antwort geben und dieses
Geschenk an die jungen Leute weitergeben
musste.
Es war durchaus ein schmerzhaftes Warten, doch die Ausdauer und das
Durchhaltevermögen, die mir von Gott gegeben waren, wurden zum
Siegel Seiner Vaterschaft über all das, was in mir wuchs.
Als Du
das erste Mal an das Tor des Hauses in Saluzzo kamst, was ging Dir in
diesem Moment durch den Kopf?
An diesen Tag erinnere ich mich
genau: es war der 16. Juli 1983, Fest der Madonna vom Berge Karmel, ich
hatte gerade
die Schlüssel
erhalten und wir konnten beginnen. Als wir den Zustand des Hauses
sahen, haben meine Begleiter die Hände über dem Kopf
zusammengeschlagen: es lag in Ruinen, ohne Türen und Fenster,
das Dach musste komplett erneuert werden, es gab weder Betten noch
Tische, Stühle, geschweige denn Töpfe, und ich hatte
kein Geld….nichts! Ich habe in ihre verzweifelten Gesichter
geschaut, doch ich sah schon, was noch alles passieren würde,
ich sah das Haus schon so, wie es heute ist: wiederaufgebaut,
schön und voll mit jungen Leuten! Es ist erstaunlich, wie mich
der Heilige Geist unterstützt und aufgebaut hat! Ich habe mir ein
großes Haus vorgestellt, in dem mindestens 50
Drogenabhängige leben konnten. Und nicht lange Zeit
später waren die Zimmer zu meinem großen Erstaunen
schon voll! Und ich erlebte in mir den Kampf, die richtigen
Entscheidungen zu treffen. Ich sagte mir selbst, dass ich schon eine
gute Schwester mit 50 Drogenabhängigen war. Doch das Leben
forderte nach mehr und die Jugendlichen klopften weiter an. So
eröffneten wir ein zweites Haus, und dann noch eins und noch
eins, und irgendwann habe ich nicht mehr gesorgt, sondern die Madonna:
Häuser im Ausland, hier und dort.
Warum
hast Du den Name “Gemeinschaft Cenacolo”
(Abendmahl) gewählt?
Ich
wollte unbedingt, dass der Name etwas mit der Madonna zu tun hat. Also
haben wir uns gefragt: Wo finden wir Maria in der Bibel? Ein Ort war
der Abendmahlsaal, wo die Apostel sich in sich verkrochen und Angst
hatten nach Jesu Tod - genauso geht es den Drogenabhängigen
heute: sie sind schüchtern, ängstlich und stumm. Doch
dann kommt mit Maria der Heilige Geist, der sie in mutige Zeugen
verwandelt. So haben wir die Gemeinschaft
„Cenacolo“ genannt.
Wir bezeichnen uns auch gerne als eine Gemeinschaft von
„öffentlichen Sündern“, die der
Welt die unendliche und groβartige Gnade Gottes zeigen wollen.
Das ist unsere Nachricht. Wir wollen diese lebendige Hoffnung einer
Gnade sein, die immer gegenwärtig, immer aktiv und neu ist, in
mir, in den Anderen, in allen.
Was die
Eröffnung der Gemeinschaft angeht: Gab es da Schwierigkeiten?
Am
Anfang waren überhaupt nicht alle glücklich
darüber! Mir wurde oft „die Meinung
gezeigt“, und einige haben mich nicht einmal mehr
gegrüβt. Sie haben mit Abneigung gesagt:
Drogenabhängige! Was macht diese Schwester mit
Drogenabhängigen? Sie isst und lebt mit ihnen….
Es stimmt schon: ich habe keine Bildung, ich kenne keine anderen
Sprachen… das ist mir bewusst. Aber das Schönste
auf der Welt ist doch, sich selbst so zu akzeptieren, wie man ist. Gott
kommt dann und denkt an den Rest. Hier habe ich gelernt, was Charisma
ist, ein Wort, das ich nicht kannte: es ist etwas, was die anderen
nicht verstehen können und was du selbst nicht verstehst. Doch
du siehst, dass die Dinge, die du tust, auch dich in eine neue Richtung
tragen. Und Schritt für Schritt erkennst du, dass Gott dich
bestärkt und dich konkret in deinem Leben führt. Es
ist nichts Berechnetes oder Geplantes, sondern auch eine Neuheit
für dich.
Wie
hast Du es geschafft, bei Null anzufangen, ohne Geld?
Anfangs
haben wir viel Armut erlebt, da wir wirklich nichts besaβen
auβer der Gewissheit des Vertrauens zu Gott. Ich erinnere
mich, dass uns jemand einen Rasenmäher
und alles Notwendige für die Herrichtung des Hauses gebracht
hat: das war eines von vielen Zeichen der Vorsehung, das mir die Augen
geöffnet hat für das Werk, welches Gott beginnen
wollte.
Oft habe ich das „Gesicht verlieren“
müssen: Einmal waren wir ohne Gas, und so bin ich mit dem Fiat
500 runter in den Ort zu einer Ausgabestelle gefahren.
„Entschuldigen Sie, ich bräuchte eine Gasflasche.
Aber ich habe leider kein Geld.“ Die Verkäuferin
entgegnete mir: „Aber wieso? Eine Schwester kann das nicht so
machen! Was wollen Sie, der ganze Markt liegt darnieder, aus dem
Ausland kaufen sie auch nichts mehr. Es sind schlechte Zeiten,
Schwester, schlechte Zeiten.“
Und ich sagte: „Ist gut, macht nichts. Man hat mir gesagt, zu
Ihnen zu kommen….aber trotzdem, ist egal.“ Also
bin ich ins Auto gestiegen und wollte zu einem anderen
Verkäufer weiterfahren.
In diesem Augenblick ruft mir die Verkäuferin zu:
„Schwester, Schwester, warten Sie, warten Sie einen
Augenblick! Francesco, gib ihr eine Gasflasche, aber eine
Kleine.“ Als er sie mir ins Auto gelegt hatte, dankte ich ihr
und sagte: „Gute Frau, wir beten für Sie!“
Wir haben diese Gasflasche 15 Tage lang benutzt, bis auch diese wieder
leer war. Da habe ich mir gesagt: ich gehe wieder zu ihr, ich habe da
sowieso nichts mehr zu verlieren. Also bin ich dort hingefahren, und
als sie mich gesehen hat, kam sie sofort auf mich zu und sagte:
„Schwester, was haben sie angestellt? Es haben sich alle
Türen zum Ausland geöffnet! Mein Bruder war da und es
hat sich alles geklärt! Schauen Sie, Schwester, Ihnen wird es
nie mehr an Gas fehlen!“ Und so hat sie mir zwei
groβe Gasflaschen gegeben, die nicht mal richtig ins Auto
gepasst haben. Zu Hause angekommen, haben wir sofort die Gasflasche
montiert und seitdem fährt ein kleiner Lastwagen immer dort
hin, lädt einige Gasflaschen auf und fährt wieder
los. Wenn du etwas im Namen des Herrn angehst, hast du eine Kraft, die
nicht dir gehört. Und dir ist es vollkommen egal, wenn du
„entblöβt“ dastehst, dass du
ausgelacht wirst oder dass sie dich zum Weinen bringen: selbst wenn sie
mir Schläge erteilt
hätten, hätte ich sie geduldet und hätte von
vorn begonnen.
Woran
erinnerst Du Dich noch aus den Zeiten des Anfangs?
An dem
Tag, an dem ich verstanden habe, dass wir die Zigaretten abschaffen
müssen! Es waren inzwischen ein paar Jahre vergangen, und ich
war an dem Punkt angelangt, an dem mir dieser Gedanke gekommen ist:
„Ich bin diesen jungen Leuten nicht treu!
Sie wollen sich von den Drogen befreien, und ich lasse sie mit Tabak in
der Tasche rumlaufen.“ Da spürte ich dieses
„Treiben“ in mir, und ich konnte nicht mehr
widerstehen. Also habe ich mich eines Abends, als wir in der Kapelle
waren, vor sie hingekniet und ihnen gesagt: „Jungs, ich
möchte Euch um Verzeihung bitten: Ihr seid hier hergekommen,
um von den Drogen befreit zu werden. Und ich hatte Angst, dass ihr
weggehen würdet, und habe euch das Rauchen erlaubt. Doch ab
heute Abend wird in der Gemeinschaft nicht mehr geraucht! Dann habe ich
„den Schlimmsten“ zu mir gerufen, der
immer um jeden Preis seine Zigaretten haben wollte und schon
alles Mögliche angestellt hatte. Ihm habe ich gesagt:
„Hole bitte eine Plastiktüte.“ Alle Jungs
saβen da, und er ging durch die Runde und jeder warf die
Zigaretten, die er in der Tasche stecken hatte, in die Tüte.
Dann habe ich gesagt: „Wenn jemand von euch gehen will und
das zurecht, der klopfe im Büro an und wir geben ihm genug
Geld, um nach Hause zu kommen. Wenn er dann akzeptiert hat, dass hier
nicht mehr geraucht wird, kann er jederzeit zurückkommen, ohne
vorher ein Gespräch führen zu
müssen.“ Nun, wir haben ein groβes Feuer
gemacht, doch keiner hat sich vom Fleck gerührt, und niemand
ist weggegangen. Alle haben diese Regel
sofort akzeptiert! Da sieht man wieder meine Ängste! Denn auch
ich habe in diesem Moment gelitten, denn ich wusste, dass sie an
„dieser Kippe“ hingen. Da habe ich verstanden, dass
es nicht stimmt, dass die jungen Leute faul, ängstlich und
gleichgültig sind! All das stimmt nicht! Sie sind
fähig zu kämpfen, bereit zu leiden und Opfer zu
bringen! Die jungen Leute sind die schönste
„Klasse“ der Welt, mit denen es mir wahrhaftig gut
geht. Ich kann aus Erfahrung sprechen, denn ich habe mir die
Hände und das Gesicht, das Leben und den Ruf mit ihren
Problemen „beschmutzt“, und nun kann ich
über sie mit Unbefangenheit und
Aufrichtigkeit sprechen. Sie wissen, dass mich nicht die Drogen
interessieren, sondern das Leben! Heute spreche ich darüber,
weil sie meine Lehrer waren und ich weiter
von ihnen lernen möchte.
Wie
hast Du es geschafft, die jungen Leute „von der
Strasse“ davon zu überzeugen, zu beten?
Die
ersten Jungs, die hier angekommen sind, sind morgens aufgestanden und
aufs Feld zum Arbeiten gegangen. Nach einem Monat hat sich einer von
ihnen zu uns gesetzt, während wir beteten und gesagt:
„Ich möchte auch das tun, was ihr macht.“
Und so hat alles angefangen. Nach ihm sind auch die anderen, einer nach
dem anderen, zum Beten gekommen. Das hätten wir nicht
erwartet! Als sie dann aus freien Stücken
zum Beten kamen, hat meine Seele Freudentänze gemacht! Ich
habe eine immense Dankbarkeit zu Gott erlebt, da er mir die
groβe Freude gemacht hat, die jungen Leute, die soeben noch
Sklaven des Bösen waren, mit uns beten zu sehen. Da habe ich
verstanden, dass mich die Jugendlichen danach fragten, Gott zu
begegnen; dass sie Hunger und Durst nach Ihm verspürten. So
ist der Vorschlag des Gebetes und des Glaubens zur einer wesentlichen
Säule auf dem Weg der Wiedergeburt geworden.
Was ist
für Dich Glaube?
Für
mich ist der Glaube die lebendige Begegnung mit einer Person, Jesus
Christus. Er ist die Lösung all unserer Probleme. Und wir
müssen den Mut haben, dies den jungen Leuten zu zeigen. Ich
habe ihnen das vorgeschlagen, was mich gerettet hat: das Kreuz Christi,
das Leben Christi, das heute lebendig ist. Die Türen
für Christus zu öffnen heiβt, den Bruder,
die Schwester, das Risiko, die Liebe einzulassen; dem Glauben zu
öffnen, der manchmal so leuchtend ist, dass wir nichts sehen,
noch verstehen.
Wie
kann die Gemeinschaft einzig und allein durch die Vorhersehung leben?
Mir ist
bewusst geworden, dass wir uns nicht auf die menschlichen Sicherheiten
verlassen durften, die uns durch staatliche Hilfen und Kostgeldern der
Eltern, die alles geben würden, um ihr Kind von der
Drogenabhängigkeit zu retten, angeboten wurden. Mir ist klar
geworden, dass ich die Liebe Gottes anbieten
und totales Vertrauen zu Ihm haben musste. Deshalb war es notwendig,
all das aus unserem Leben auszuschlieβen, was den Menschen
falsche Sicherheiten gibt: das Geld. Wenn du Geld hast, fühlst
du dich stärker, mächtiger und manchmal auch
anmaβend. So lebten die Jugendlichen, als sie viel Geld in den
Taschen hatten. Geld ist für sie ein Ruf des Todes. Mit einem
Drogenabhängigen kann man nicht auf eine theoretische Art und
Weise sprechen. Besonders am Anfang ihres Weges
können sie die Liebe Gottes nicht verstehen. Sie sehen nur
deine Liebe. Dies war eine groβe Entscheidung der Freiheit,
die die Gemeinschaft getroffen hat. Doch der wesentliche Grund war, den
jungen Leuten zu zeigen, dass es Gott wirklich gibt, und dass Er ein
Vater ist, der sich für seine Kinder interessiert und dass die
Vorsehung Tag und Nacht über uns wacht. Und in all diesen
Jahren kann ich euch dies mit Freunde bezeugen:
die Vorsehung hat bei noch keinem
Termin gefehlt!
Die
Projekte für die nahe Zukunft?
Ich
habe nie etwas geplant oder berechnet, noch habe ich etwas entschieden,
was den weiteren
Weg angeht. Ich habe auf das Leben gehört und in ihm den
Willen Gottes für
uns abgelesen. Nie und
nimmer hätte ich gedacht, dass wir einmal so viele
Häuser in verschiedenen Ländern eröffnen
würden, und dass sogar Missionen entstehen würden,
deren erste Missionare die „wiedergeborenen“ jungen
Leute sein sollten. Mir haben sich Familien, gottgeweihte
Brüder und Schwestern, freiwillige Jugendliche angeschlossen,
die frei und unentgeltlich ihr Leben schenken. Ich erlebe als Erstes
das Staunen darüber, was der Herr vollbringt und wünsche mir
nur eins: dass ich mich weiterhin
Ihm anvertraue, ohne danach zu fragen, seinen Willen zu erkennen, bevor
er sich verwirklicht.
Wir wollen Ihm dahin folgen, wo
seine Hand uns hinführt, in der Gewissheit, dass Maria mit uns
ist und dass Gott sich um uns sorgt!
Saluzzo, Jänner 2007
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